Auf dem Katholikentag in Würzburg wirbt der Essener Weihbischof Ludger Schepers für gleiche Rechte von Frauen in der katholischen Kirche. Die Frage der Gleichberechtigung sei nicht nur ein Reformthema, sondern entscheide über die Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit des Katholizismus.
Die Frage der Gleichberechtigung in der Kirche ist bei Katholikentagen seit vielen Jahren ein wichtiges Thema – so auch in dieser Woche in Würzburg: In einer 400 Meter langen Kette fordern Menschen am Freitag gleiche Rechte für Frauen. Auch in der „Demokratiekirche“ des fünftägigen Glaubensevents debattieren immer wieder neue Teilnehmende auch über die „Frauenfrage“. Und das offizielle Programm des Katholikentags listet beim Stichwort „Frauen“ immerhin 71 der über 900 Veranstaltungen auf – zwei davon maßgeblich mitgestaltet vom Essener Weihbischof Ludger Schepers. Er sieht in der Frauenfrage eine Überlebensfrage für die katholische Kirche.
Schepers ist Mitglied der Unterkommission „Frauen in Kirche und Gesellschaft“ der Deutschen Bischofskonferenz und damit auf den beiden Katholikentags-Podien der Vertreter der Amtskirche. Und obwohl die aus Sicht weiter Teile des Kirchenvolks beim Thema Gleichberechtigung selten Applaus bekommt, sind die Diskussionsrunden mit dem Weihbischof aus dem Ruhrgebiet wenig konfliktiv – in der Bischofskonferenz ist Schepers ein vehementer Gleichberechtigungs-Fürsprecher.
Schepers redet in Würzburg Tacheles
In Würzburg redet Schepers Tacheles, angesichts der fehlenden Gleichberechtigung sehe er eine „tiefe Entfremdung“ in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft. „Wir müssen aufhören, so zu tun, als bräuchten wir noch mehr Arbeitskreise oder theologische Gutachten. Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagt er am Freitagnachmittag im komplett gefüllten Kapitelsaal des Ökumenischen Klosters. Für Schepers geht es dabei nicht nur um Frauen. Es gehe um „die Überlebensfähigkeit des Katholizismus in einer freien Gesellschaft“. Wer Frauen die volle Teilhabe an Ämtern, Weihen und Entscheidungen verweigere, beschädige die Glaubwürdigkeit der Kirche.
Dass auch in den vermeintlich so gleichberechtigten evangelischen Kirchen Frauen noch nicht sehr lange und bis heute – zumindest informell – auch nicht vollständig gleichberechtigt seien, macht Schepers‘ Diskussionspartnerin im Ökumenischen Kloster deutlich. Die Geschichtsprofessorin und evangelische Ordensschwester Nicole Grochowina verweist auf die Landeskirche Schaumburg-Lippe, die als letzte deutsche Landeskirche 1991 die Frauenordination zugelassen habe. Ein Jahr später wurde mit Maria Jepsen in Hamburg die erste lutherische Bischöfin weltweit ins Amt eingeführt. Schwester Nicole berichtet von eigenen Erfahrungen als Wissenschaftlerin in kirchlichen Gremien. Dort gebe es trotz offizieller Gleichberechtigung weiterhin „gläserne Decken“, die Frauenkarrieren in Spitzenämtern behinderten.
Weihbischof begleitet Frauen auf dem Weg zur Diakonin
Schepers begleitet bereits seit mehreren Jahren Kurse mit Frauen, die sich theologisch ausbilden lassen, um als Diakoninnen tätig zu sein. Schwester Nicole schlägt vor, diese Frauen – analog zu den männlichen Diakonen - zu weihen und nicht „nur“ zu segnen. Doch der Bischof verweist auf drohende Kirchenspaltungen: „Wir sehen an der anglikanischen Gemeinschaft, welche Spannungen das mit sich bringt.“ Streit über Frauenordinationen und homosexuelle Partnerschaften hat die anglikanische Gemeinschaft tief gespalten. Besonders groß sind die Spannungen zwischen konservativen Kirchen im globalen Süden und liberaleren Kirchen im Westen.
Ohnehin „ist die Frage nach der Frau im geistlichen Amt nach meinem Dafürhalten zuallererst eine kulturelle und erst dann eine theologische und strukturelle Frage“, hatte Schwester Nicole zu Beginn ihres Statements betont. Und gerade auf kultureller, gesellschaftlicher Ebene sehe es ja nun derzeit alles andere als positiv aus, wenn es um Gleichberechtigung gehe, hebt Schepers hervor. Egal ob man auf „tradwifes“ oder auf neue patriarchale Männerbilder schaue – inspiriert von der MAGA-Bewegung aus den USA setzten sich rechtskonservative Kräfte auch in Europa für ein Zurückdrehen der gesellschaftlichen Emanzipationserfolge ein. „Das macht mir große Sorgen“, sagt Schepers. Auch in der Kirche gebe es neben den reformorientierteren Vertreterinnen von „Maria 2.0“ die konservative Gegenbewegung „Maria 1.0“. „Wir sind uns bei diesem Thema nicht einig“, gibt Schepers zu bedenken.
Gleichberechtigung in der Kirche ist nicht nur in Deutschland ein Thema
Dass der Ruf nach Gleichberechtigung für Frauen nicht nur ein deutsches Thema ist, wird am Samstag beim Podium „Gott, Gender, Gerechtigkeit: Frauen in der Weltkirche“ deutlich. Schwester Nirmalini Nazareth leitet die Apostolischen Karmelitinnen und steht der indischen Frauen-Ordenskonferenz vor. Sie verweist vor mehreren hundert Gästen im Würzburger Congress Centrum auf die schiere Zahl der christlich-religiösen Frauen im bevölkerungsreichsten Land der Erde. „Frauen sind bei uns überall, sie feiern Gottesdienste – ob ein Priester da ist oder nicht. Wir haben die Kraft dazu in uns, diese Kraft kommt von Gott.“ Offiziell dürften die Frauen natürlich keine Messen feiern – deshalb mache sie Druck auf die indische Bischofskonferenz, sich für mehr Gleichberechtigung einzusetzen.
Schwester Nirmalini hat die indischen Ordensschwestern bei der Weltsynode der katholischen Kirche in Rom vertreten. Gerade dort sei – wie beim Synodalen Weg in Deutschland und ähnlichen Prozessen in anderen Ländern – Bewegung in die Frauenfrage gekommen, sagt Margit Eckholt: „Die Debatte über sakramentale Ämter von Frauen ist nicht mehr einfach abzuwickeln.“ Die Theologie-Professorin sitzt neben der indischen Ordensschwester, der Kölner Journalistin Christiane Florin und Weihbischof Schepers auf dem Podium. „Es sind kleine Schritte, aber es sind Dynamiken, die ich als Theologin beobachte“, sagt sie. Es seien Tabus gebrochen und Perspektiven sichtbar, die es vor 20 oder 30 Jahren so noch nicht gegeben hätte. Florin sieht das anders und meint, „die Frauenfrage ist unter die Tische der Weltsynode gefallen“.
Ging es nach Schepers, könnte die Bischofskonferenz-Vollversammlung bei ihren zwei halbjährlichen Treffen durchaus häufiger über die noch mangelnde Gleichberechtigung aller Kirchenmitglieder sprechen – aber die Weihbischöfe hätten bei der Erstellung der Tagesordnung wenig Mitspracherechte. Dennoch nehme er wahr, „dass viele meiner Mitbrüder mit diesem Thema ringen“. Deshalb ermuntert er die Menschen im Saal „laden Sie in Ihren Gemeinden vor Ort Ihre Bischöfe zu Gesprächen und Diskussionen ein“. Nur so könne sich bei der Gleichberechtigung etwas ändern.